Lieber Brief,
 
 
Es gibt viele Briefe, die geschrieben worden sind, und solche, die nicht geschrieben worden sind. Ich weiss nicht, wie es Dir ergehen wird und was aus Dir werden wird. Du bist eigentlich ein künstlerisches, kindliches - manchmal auch kunstvolles, häufig leider auch künstliches oder verkünsteltes Wesen.
 
Deine Aufgabe ist es, Nachrichten, Ideen, Gedanken, Gefühle und vieles, was keine Worte findet, von einem zum anderen, oder von einem zu mehreren, oder von mehreren zu einem, oder von mehreren zu mehreren zu bringen.
 
Aufgabe von Kunstwerken ist es, Gedanken und Gefühle zu mehreren zu bringen, ebenso wie dieser Brief. Die Aufgabe eines Briefes und eines Kunstwerkes treffen sich also oft einmal. Du hast also oft dasselbe zu tun wie ein Kunstwerk. Es gibt freilich Unterschiede zwischen Dir und Kunst, aber viele Briefe sind Kunstwerke.
 
Heute wird oft darüber nachgedacht, ob Kunstwerke als fertige Produkte wichtig sind oder eher im "Herstellungsprozess" ihre Relevanz liegt.  Viel Kunst wird dadurch gemacht, dass das Nachdenken über sie selbst zum "Artefakt" erhoben wird.
 
Wie geht es eigentlich Dir, wenn Du siehst, wie ein Verliebter sich den Kummer von der Seele schreibt, dann aber nicht den Mut hat, Dich wegzuschicken? Oder wenn Du auf der Post verloren gehst oder wenn Du eher aus therapeutischen Zwecken geschrieben wirst? Empfindest Du Dich dann noch als Kunstwerk? Oder fehlt Dir dann das Publikum, das Dich als solches erkannt hätte? Oder geht es Dir wie einem verstecktem Bild, das einfach wartet, bis es gefunden und im Museum den Leuten gezeigt wird? Wäre Dein Museum die Veröffentlichung als "offener Brief"? Oder als Rundbrief an ganz, ganz viele Leute?
 
Ich möchte es versuchen, Dich, wie schon oft geschehen,
 
als Brief,
als Kunstwerk,
als Briefkunstwerk,
als Briefkunst,
als Kunstbrief,
als Brief,
als Kunst,
als Brief,
als Brief,
als Brief,
als Brief,
als Brief,
gebrauchten Brief,
als gebrauchten Brief zu gebrauchen,
als Brief zu gebrauchen,
als Brief zu gebrauchen.
 
 
Dein Dich gebrauchender Gert, der hoffentlich nicht verbraucht wird.
 
 
Gert Gschwendtner
 
Müstair, 22.8.1981