Der Schatten bildet in Dichtung und Philosophie einen riesigen Fundus an Bedeutungen I Die Gebrüder Grimm zapften die sprachlichen Reservoire an I Im Modus und in Form seines sprachlichen Erscheinens und Verschwindens erzählten sie das Epos vom Schatten I Es eröffnete sich ein Repertoire mannigfaltigster Rede- und Denkweise I
 Schatten als Farb- und Texthäute – vorsichtig abgezogen von ihrem Untergrund und in neue Sichtbarkeiten gebracht – zeigen, wie wir unsere Umgebung – bedacht oder unbedacht – mit unseren eigenen Vorstellungen, Sichtweisen und Zumutungen bewerfen I

Die apokalyptischen Reiter

Vier Torwächter bewachen die vier Zugänge zum Inneren des idealen Kosmos – zum Mandala I
 
Ein Mandala ist keineswegs nur ein farbiges Bild I Es zeigt Grundrisse von Landschaften und Gebäuden einer idealen Welt I Dieses Bild ist wie ein Grundriss für eine solche ideale Welt I Üblicherweise wird ein Mandala in Form eines Vierecks dargestellt, in dessen Mitte der Kosmos in Form eines Kreises – die ideale Form – eingebettet ist I Der Zugang zu diesem idealen Kosmos geht über vier Tore: je eines an jeder Seite des Vierecks, eben von Norden, Süden, Westen und Osten I Diese Tore werden von den vier Torwächtern bewacht I
 
Im Buddhismus sind diese Wächter besonders furchterregend dargestellt: Die Wächter sind mit grausam verzerrten Gesichtern versehen und mit Säbeln, Schwertern und riesigen Panzern ausgestattet I Sie sollen die Tore zur idealen Welt beschützen und alles Unangenehme abschrecken I Sie haben alle äusseren und inneren Eigenschaften derer, die sie abschrecken sollen I Nur so fühlen sich die unangenehmen Personen und Dinge angesprochen I Die Wächter sprechen dieselbe Sprache I In der idealen Welt soll es keine Gier, keine Ignoranz, keine Abneigung und keinen Besitz geben I Gedanken und Gefühle sollen in der idealen Welt nicht mehr durch das Negative verwirrt werden I
 
Die Torwächter sind als Schatten dargestellt I Sie haben kein erkennbares Gesicht I Somit sind sie nicht zu persönlich, zu direkt, zu konkret I Die Gestalt lässt sich nur erahnen und bleibt dadurch der Phantasie des Betrachters überlassen I

Schatten Papiere

Schatten tanzen auf der Schrift I Die Schrift schwebt und wirkt im Palimpsest des Wassers I Keines der SchattenPapiere kann für sich allein bestehen, sondern nur in der umfassenden Geistesgegenwart von Person, Schrift und Geste I
 
Das Fortsetzen und Fortschreiben der konstruktiven Gedankengänge entwerfen Humanität und Würde I
 
Wer beherrscht und steuert schon wirklich seinen eigenen Schatten?
 
Jeder kann seinem eigenen Schatten Spurenelemente des Erkennens mit auf den Weg geben I
Der Mensch ist Subjekt in einem unentwegten Schreibprozess eigener Empfindung und Vorstellung I Nichts ist von vornherein gegeben I Es ist vielmehr eine eigene wandelbare Intention und Gestimmtheit I Der Mensch ist sein eigener Entwurf I

Schatten Performances

Performances sind erlebte Bilder I Um etwas zu erleben, muss man sich einfühlen können I Auf der Bühne agiert jemand I Der Kunstbetrachter ist Teil des Publikums I Auf der Bühne wird eine bestimmte Denkart aufgeführt, die den Betrachter selbst berühren kann, da es vielleicht mit einem selbst zu tun hat I
 
Wenn der Beobachter keinen Anteil daran nimmt und nicht in diesen Gedankengang eintaucht, dann existiert der Gedankengang, das Agieren eigentlich gar nicht I
 
In dem Masse wie sich der Beobachter selbst via Protagonisten auf die Bühne stellt und dort agiert, sich also in diese angestossene Wirklichkeit einfühlt, existiert dann auch die Wirklichkeit I Denn ein Kunstobjekt wird nur über die Identifikation des Betrachters existent I
 
Die Kunstbetrachter werden Teil der Performance und tauchen ein in die Wirklichkeit der Texte I