Die Entstehung eines solchen Aquarells ist schillernd wie ein gewollter Zufall. Das Bild entwickelt sich nach und nach von selbst. Der Künstler bestimmt, wo die Farbe trocknen soll, wo Schlieren, wo figürliche Elemente sein sollen. Und doch entsteht dieses Bild quasi aus sich selbst heraus. Vergleichbar mit einem Fotopapier auf dem allmählich ein Bild entsteht, nachdem es in den Entwickler getaucht wurde. Auch wenn das Bild im ersten Augenblick ungegenständlich erscheinen mag, so bewegt es sich doch eher auf der Ebene der Gegenständlichkeit. Es gibt Pfützen, die an die Gestalt von Muscheln, Ohren, Gesichtern, Köpfen erinnern. Wird das Gemalte zum eigentlichen Gegenstand, kippt es vom Unbegrifflichen zum Konkreten. Nicht im Sinne des amerikanischen Minimalismus, eher in Richtung Zero.
 
Zumeist sind die Darstellungen menschliche Gestalten bzw. Fragmente von Ohren, Gesichtern und Köpfen. Sie sind damit abstrahiert, aber dennoch konkret. Der Gedanke im Hintergrund: Die Wirklichkeit ist zu komplex, als dass sie in einem Bild, einem Text, einer Gestalt eingefangen werden kann. Doch es kann eine Ahnung, eine Idee, eine Assoziation dargestellt werden. Die Darstellungen gleichen inzwischen vielmehr einem Schatten als ultimative Lösung. Der Schatten ist eine Projektion von etwas. Genauso wie jeder Gedankengang eine Projektion von einer Wirklichkeit ist. Daher ist der Schatten eine ideale Visualisierung eines Gedankenganges. Damit wird offengelegt, dass es nicht um die Nachahmung einer Wirklichkeit geht, sondern dass es sich um die Konstruktion einer Wirklichkeit handelt. Denn alles, was wir denken, was wir wahrnehmen, ist eigentlich ein Konstrukt unseres Gehirns. Eben eine subjektive Wirklichkeit.
 
Genau wie ein naturwissenschaftliches Modell nur ein Abbild, einen Teil der Wirklichkeit, erfassen kann, ist es letztendlich unmöglich, eine gesamte Komplexität mit all ihren Eigenschaften, Erfahrungen, Gedanken und ihrem Verständnis zu erfassen. Das greifbarste, was uns bleibt, ist damit der Schatten des Gegenübers als Projektion seiner Wirklichkeit.
 
Text kann auch Schattencharakter haben, wie die Texte in den geschütteten Flächen. Texte können auch aquarellartig entstehen, al prima. Sie erheben dann nirgends einen Postulatscharakter. Sie sind vielmehr ein Kommentar mit Vorbehalt.
 
Mittels der Methode der geschütteten Fläche gepaart mit Text – eben Schrift im Bild – ist es möglich diese Schatten, diese Projektionen des Gegenübers darzustellen.
 
In den 1980er Jahren entstand eine ganze Reihe solcher Werkkompositionen mit der geschütteten Fläche wie Muschelstille, Ohrhäute, Sehhäute, Gesichtshäute und viele mehr. Diese Technik findet sich in den Werken der Kompostmoderne wieder.
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