Abendblätter

Die Abendblätter sind kleine Haikutexte mit geistigen, parallel geschalteten Akkupunkturnadeln I Der überschaubare Zeitraum eines Tages liefert den Eindruck, der am Abend übrig bleibt I Das kleine Format komprimiert die Erfahrung und hilft abspecken I Kein Pathos, nur die Grösse des Alltags I

Taschenhimmel

Aus den unendlichen Weiten des Himmels heraus werden Stücke gefangen und in kleine Schachteln verpackt | Es ist ein meditatives, anregendes Erlebnis diese kleinen Schachteln in der Tasche mitzunehmen, um bei Gebrauch zu öffnen | Die Taschenhimmel tragen auf ihrer Schachtelhaut einen kleinen Text der mit Haikus verwandt ist | In den Schachteln befindet sich eine kleine Leinwand mit den Himmelstücken | Wenn ein Stabmagnet geteilt wird, ergeben sich zwei neue volltüchtige Magnete | Ähnlich den kleinen Himmeln, die sich aus einem Bildteil und einem Schriftteil zusammensetzen | Aussenhaut und innere Wolke begleiten einander und verzahnen sich erst in den Vorstellungen der Himmelsbenutzer | Jeder Betrachter erstellt mit einem Taschenhimmel seinen eigenen grossen Himmel |
 

Tannennadeln

Tannennadeln werden nur alle vier bis fünf Jahre vom Baum abgeworfen I Über diese Jahre funktionieren sie wie jedes andere Blatt auch: Wasseraufnahme, Wasserabgabe, Photosynthese I In diesem kleinen Objekt, das viel kleiner ist als andere Blätter, findet das ganze komplexe und dichte Werkstattprogramm statt I Ein kleines Wunderwerk I
 
Tannennadeln sind ein Indikator für menschliches Verhalten I Durch die lange Zeit, die sie am Baum bleiben, akkumulieren sie die aufgenommenen Schadstoffe stärker als Laubblätter I
 
Tannennadeln können geistige Akkupunkturnadeln sein, die zum Nachdenken anregen, was ich eigentlich tue, was ich meiner Umwelt zufüge?
 
Tannennadeln sind als künstlerisches Objekt, als bildnerisches Element von unglaublicher Faszination I
 
Werden sie ganz naturalistisch gemalt und wird das Bild später aus einer genügenden Entfernung betrachtet, werden die darauf abgebildeten Tannennadeln abstrakt I Die einzelne Nadel wird zu einem Strich I Wenn sie mit ihren verschiedenen Längen und Krümmungen unterschiedlich zusammengesetzt werden, ergibt sich daraus plötzlich die Möglichkeit, in einer abstrakten Form Strömungen, Ballungen, Schichtungen, Strukturen bis hin zu einfachen Zeichnungen, darzustellen I Es entstehen abstrahierte Modelle I Darüber hinaus ergibt sich eine unglaubliche Farbigkeit I Und das nur mit diesen Tannennadeln I Nur mit diesem einen naturalistischen Element I
 
Eine realistische Abstraktion oder abstrakter Realismus I

Schrift im Bild

Das Themenfeld Text bzw. Schrift im Bild stammt aus dem Chinesischen I Neben dem eigentlichen Bild, beispielsweise einer Pflanze, steht der Text I Dieser ist meist sehr poetisch I Text und Bild laufen parallel und bilden eine Einheit I Erst durch den Text ist das Bild vollständig I
 
Durch die Kombination ergibt sich eine neue Dimension I
 
Durch den Text werden Bilder, Skulpturen, Installationen usw. aus der reinen Bildlichkeit herausgehoben I Herausgehoben aus dem reinen Wohlgefallen, aus der reinen Emotionalität I Somit wird das jeweilige Werk in einen kognitiven Zusammenhang gebracht I Und umgekehrt wird durch das Bild oder die Skulptur oder die Installation dem Text Emotionalität eingehaucht, die beim Betrachter Lust erzeugt, sich mit dem Text auseinanderzusetzen I Das Bild ist nie die Illustration des Textes und der Text nie die Beschreibung des Bildes I
 
So öffnet sich zwischen Bild und Text ein Raum, in dem die eigenen Denkfiguren des Betrachters ihren Platz erhalten I

Geschüttete Fläche

Die Entstehung eines solchen Aquarells ist wie ein gewollter Zufall I Das Bild entwickelt sich nach und nach von selbst I Der Künstler bestimmt, wo die Farbe trocknen soll, wo Schlieren, wo figürliche Elemente sein sollen I Und doch entsteht dieses Bild quasi aus sich selbst heraus I Vergleichbar mit einem Fotopapier auf dem allmählich ein Bild entsteht, nachdem es in den Entwickler getaucht wurde I Auch wenn das Bild im ersten Augenblick abstrakt erscheinen mag, so bewegt es sich doch eher auf der Ebene der Gegenständlichkeit I Es gibt Pfützen, die an die Gestalt von Muscheln, Ohren, Gesichtern, Köpfen erinnern I Es gibt unterschiedliche Phasen I Mal sehr abstrakt, mal sehr konkret I Wird das Gemalte zum eigentlichen Gegenstand, kippt es vom Abstrakten fast zum klassisch Konkreten I Nicht im Sinne des amerikanischen Minimalismus, eher in Richtung Zero I
 
Zumeist sind die Darstellungen menschliche Gestalten bzw. Fragmente von Ohren, Gesichtern und Köpfen I Sie sind damit abstrakt, aber dennoch konkret I Der Gedanke im Hintergrund: Die Wirklichkeit ist zu komplex, als dass sie in einem Bild, einem Text, einer Gestalt eingefangen werden kann I Doch es kann eine Ahnung, eine Idee, eine Assoziation dargestellt werden I Die Darstellungen gleichen inzwischen vielmehr einem Schatten als ultimative Lösung I Der Schatten ist eine Projektion von etwas I Genauso wie jeder Gedankengang eine Projektion von einer Wirklichkeit ist I Daher ist der Schatten eine ideale Visualisierung eines Gedankenganges I Damit wird offengelegt, dass es nicht um die Nachahmung einer Wirklichkeit geht, sondern dass es sich um die Konstruktion oder auch die Rekonstruktion einer Wirklichkeit handelt I Denn alles, was wir denken, was wir wahrnehmen, ist eigentlich ein Konstrukt unseres Gehirns I Eben eine subjektive Wahrheit I
 
Genau wie ein naturwissenschaftliches Modell nur ein Abbild, ein Teil der Wirklichkeit, erfassen kann, ist es letztendlich unmöglich, den anderen in seiner gesamten Komplexität mit all seinen Eigenschaften, Erfahrungen, Gedanken und seinem Verständnis zu erfassen I Das greifbarste, was uns bleibt, ist damit der Schatten des Gegenübers als Projektion seiner Wirklichkeit I
 
Text kann auch Schattencharakter haben, wie die Texte in den geschütteten Flächen I Texte können auch aquarellartig entstehen, al prima I Sie erheben dann nirgends einen Postulatscharakter I Sie sind vielmehr ein Kommentar mit Vorbehalt I
 
Mittels der Methode der geschütteten Fläche gepaart mit Text – eben Schrift im Bild – ist  es möglich diese Schatten, diese Projektionen des Gegenübers darzustellen I
 
In den 1980er Jahren entstand eine ganze Reihe solcher Werkkompositionen mit der geschütteten Fläche wie Muschelstille, Ohrhäute, Sehhäute, Gesichtshäute etc. I Diese Technik findet sich in den Werken der Kompostmoderne wieder I

Konkrete Poesie

In der konkreten Poesie dient die Sprache nicht mehr der Beschreibung eines Sachverhalts, eines Gedankens oder einer Stimmung, sondern sie wird selbst zum Zweck und Gegenstand des Gedichts, des Bildes I Sie wird das Bild, in dem die Sprache sich selbst darstellt I
 
Es werden die phonetischen, visuellen und akustischen Dimensionen der Sprache als Mittel verwendet I Der Text bezieht sich nur noch auf seine eigenen Mittel: Wörter, Buchstaben oder Satzzeichen werden aus dem Zusammenhang der Sprache herausgelöst und treten dem Betrachter konkret, für sich selbst stehend, gegenüber I Es ist eine sprachliche Demonstration, ein Gegenpol zur sprachlichen Reizüberflutung I Sprache hat im „konkreten Gedicht“ keine Verweisfunktion mehr I
 
Es ist eine antipoetische Meditation über die Bedingung der Möglichkeit der poetischen Gestaltungsweise I Es gibt kein Gedicht über etwas mehr, sondern nur noch eine Realität des sprachlichen Produkts an sich I

Kunstgeschichte ist kein kontinuierlicher, linearer Ablauf I Kunstgeschichte ist das, was wir uns zusammenreimen, von dem, was uns andere Zeiten, andere Jahrhunderte übrig gelassen haben I
 
Wir versuchen aus diesem Konvolut mehr oder weniger Systematisches abzulesen I Dieses Ablesen kann nur ein von uns herangetragenes, systemisches Konzept sein I Über die Jahrhunderte haben immer wieder einzelne Schriftsteller, die die politisch und geistig konzeptuellen Strömungen ihrer Zeit erfassten, aus ihrer Sicht heraus Bedeutungswirklichkeiten in Bezug auf die historischen Reste formuliert I Durch diese Formulierungen wurden scheinbare Wahrheiten erhoben, die stark meinungsbildend wirkten I So haben wir heute eine Situation, in der Ideen von Jacob Burkhardt bis Arnold Gehlen, von Hegel bis Wolfgang Welsch als Fakten zur Geschichte angesehen werden, und nicht als interpretierende Kommentare I
 
Wir beziehen uns auf bestimmte Veränderungen oder auf bestimmte herausragende Formen I Diese Formen und diese herausragenden Bedeutungswirklichkeiten bezeichnet der Kunsthistoriker Friedrich Piel als kritische Formen I Diese korrespondieren immer mit Zeiten, in denen Umbrüche stattfinden, zu denen wir Umbrüche beobachten können, die sogenannten Kritischen Zeiten I
 
Gert Gschwendtners kritische Formen sind unter anderen die geschütteten Bilder, die Tannennadeln, die  Schrift im Bild und die konkrete Poesie I Mit diesen Formen beschäftigte er sich intensiv in den kritischen Zeiten zwischen 1980 und 2000 I Danach wurden sie zu seinen Werkzeugen und Kommentaren für die Werke der Kompostmoderne I